Dark Tourism: Die dunkle Seite der Reiselust

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Die sozialen Medien sind voll davon: Urlaubs-Selfies von Menschen, die ihren Freunden zeigen wollen, wo sie sich gerade befinden. Bei genauerer Betrachtung dieser Bildchen stellt der Facebook-Freund oder Instagram-Follower jedoch mit Schrecken fest, dass es sich bei manchen Motiven um alles andere als klassische Urlaubsorte handelt. Sondern um Destinationen wie beispielsweise Prypjat (unser Titelbild), der Geisterstadt in der Nähe von Tschernobyl. Diese Orte stehen fast schon symbolisch für ein neuartiges Phänomen: Dark Tourism.

Definition und Ursprung

Unter Dark Tourism versteht das weltweit erste Institute for Dark Tourism Research an der University of Central Lancashire den Besuch von Orten oder Attraktionen, die Tod und Leiden als zentrales Thema haben. Der Fachausdruck lautet Thanatourismus – in Anlehnung an den griechischen Todesgott Thanatos.

Laut Bedeutung Online wollen Reisende dabei Orte sehen, an denen Tragödien geschehen sind, oder Orte erleben, die mit dem Tod in Verbindung stehen. Im Deutschen gibt es mehrere Übersetzungen: Neben „Dunkler Tourismus“ oder „Düsterer Tourismus“ ist auch der Terminus „Todestourismus“ verbreitet.

Die Ursprünge des Ausdrucks Dark Tourism reichen bis ins Jahr 1996. Damals veröffentlichten die britischen Tourismusforscher John Lennon und Malcolm Foley ein Essay über die Faszination der Ermordung von J.F. Kennedy in Dallas.

Orte mit dem besonderen Thrill

Ehemaliges Gefängnis Alcatraz

Doch wohin treibt es die Anhänger des Thanatourismus eigentlich? Naturgemäß an Orte des Todes, der Trauer und Tragödie, die auch aufgrund ihrer historischen Bedeutung große Berühmtheit erlangt haben. Beispiele dafür gibt es weltweit.

Da wäre unter anderem eine Kirche im ungarischen Sedlec, deren Inneneinrichtung aus menschlichen Knochen gebaut wurde. Oder die berühmten Katakomben von Paris. Andere Touristen besuchen Gefängnisse wie Alcatraz (siehe Bild) oder Orte von Nuklearkatastrophen wie Fukushima.

Die Liste der Destinationen schließt aber auch Stätten des Genozids wie die Killing Fields in Kambodscha ebenso ein wie die historischen Kriegsschauplätze Verdun oder Hiroshima. Oder Holocaust-Gedenkstätten wie das Konzentrationslager Auschwitz. Nicht zuletzt aber auch Orte, an denen Serienmörder aktiv waren. In Los Angeles zum Beispiel gibt es spezielle Bustouren zu den Orten, an denen Charles Manson sein Unwesen trieb.

Ein morbider Trend?

Das Beispiel der eben genannten Helter-Skelter-Bustouren zeigt laut Fachautorin Alexandra Krüger die ethische Fragwürdigkeit des Dark Tourism auf. Sie fragt:

Ist es einfach nur Sensationslust oder Voyeurismus auf Seiten der Touristen, der dazu führt, dass Dark Tourism oftmals als negativ empfunden wird? Oder schlagen Veranstalter solcher Touren Kapital aus dem Schicksal von Toten und Verunglückten?

Einen anderen Blickwinkel hat Philip Stone vom bereits erwähnten Institut an der University of Central Lancashire. Er sieht den in westlichen Gesellschaften weitgehend verdrängten Kontakt mit dem Leid als Ursache. Der „Dark Tourism“, so Stone in einer von der Funke Mediengruppe zitierten Studie, könne einen „sozialen Filter zwischen Leben und Tod“ vermitteln.

Dark Tourism als Thema für die Kundenansprache

Hat der dunkle Tourismus tatsächlich eine soziale Filterfunktion inne? Zumindest ist er ein Phänomen, das inzwischen auch massenmedientauglich ist. So lief auf Netflix erst im vergangenen Jahr eine erfolgreiche Produktion mit dem Titel Dark Tourist.

Womöglich ist das Phänomen Dark Tourism aber auch ein Indiz, dass sich die Sicht auf Tod und Leid im westlichen Kulturkreis im Wandel befindet.

Titelbild: © Sid10/fotolia.com; Beitragsbild: © Bettina Norgaard/pixabay.com

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