Elke Herrnberger: „Der Friedhof ist so viel mehr als ein Ort für Trauer“

Elke Herrnberger: „Der Friedhof ist so viel mehr als ein Ort für Trauer“

Gletscherbestattung, Vulkanbestattung, Weltraumbestattung – weltweit gibt es immer wieder neue Trends rund um die letzte Ruhe. Viele davon sind in Deutschland nicht erlaubt. Wie es hier in der Bundesrepublik aussieht, weiß Elke Herrnberger, Pressesprecherin für den Bundesverband Deutscher Bestatter e.V.

Redaktion: Frau Herrnberger, welche großen Trends sehen Sie derzeit bei den Bestattungen in Deutschland? 

Elke Herrnberger: Da gibt es mehrere. Einer von ihnen hat direkt mit der Corona-Krise zu tun. Und zwar geht es um die Art und Weise, wie wir uns mit dem Thema Tod befassen. Traditionell ist das in Deutschland eher ein Tabuthema, aber im Zuge der Pandemie sind die Menschen gegenüber dem Tod aufmerksamer geworden. Wir haben ganz klar einen gesteigerten Wunsch nach Beratung für den Todesfall bemerkt. 

Redaktion: Was umfasst diese Beratung?
Elke Herrnberger

Elke Herrnberger: Hier geht es vor allem um die Zunahme von Bestattungsvorsorgeverträgen mit dem Bestatter und auch um die Absicherung der Finanzierung. Zum Beispiel über einen Treuhandvertrag oder eine Sterbegeldversicherung. Das hat tatsächlich zugenommen. Unter Corona ist vielen Menschen die eigene Sterblichkeit erst so richtig bewusst geworden. Sie wollen dann zum Beispiel ihre Kinder oder Enkel entlasten und sicherstellen, dass die Finanzierung geregelt ist.

Redaktion: Sind es denn vorrangig ältere Menschen, die sich nun informieren?

Elke Herrnberger: Der Trend geht auch in die Richtung, dass jüngere Menschen die Beratung suchen und frühzeitig vorsorgen.

Ein anderes Thema ist die zunehmende Individualisierung bei Bestattungen. Und zuletzt spielt es auch eine Rolle, dass wir ein zunehmend nomadisches Volk werden.

Redaktion: Inwiefern?

Elke Herrnberger: Heutzutage wohnen immer mehr junge Leute nicht mehr im selben Ort wie ihre Eltern und Großeltern. Dementsprechend kann man nicht mal eben Sonntags ein Grab besuchen und pflegen. Die Nachfrage für pflegefreie Gräber wächst.

“Der Friedhof wird mehr zur Landschaft.”

Redaktion: Also eine einfache Steinplatte mit Gravur?
Blick auf einen Friedhof, © BDB

Elke Herrnberger: Nicht unbedingt. Oft handelt es sich dabei um grüne Anlagen, allerdings kümmern sich die Friedhöfe selbst darum, oder eine Gärtnerei. Sie legen diese Friedhofsbereiche mehr als Landschaft an, auf der es viel mehr Platz für Gemeinschaftsgräber gibt. Da zahlt man einmal einen bestimmten Betrag und ist dann quasi „frei“. Da gibt’s eindeutig eine große Nachfrage. Dieselbe Entwicklung beobachten wir bei Kolumbarien, in denen Urnen aufbewahrt werden. Wichtig ist bei all diesen neuen Formen und Bestattungsarten nach wie vor, dass der Name des Verstorbenen nicht vergessen wird. 

Redaktion: Spiegelt sich der Mega-Trend “Nachhaltigkeit” auch bei Bestattungen wieder?

Elke Herrnberger: Ja. Viele, die im Leben auf einen nachhaltigen Stil achten, möchten das im Tod weiterführen. Da gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, sich auf See oder im Wurzelwerk von Bäumen bestatten zu lassen, was aber die Einäscherung voraussetzt. Die Urne besteht dann aus zu 100% abbaubaren Materialien.

“Digitale Trauerräume sind keine Seltenheit mehr.”

Redaktion: Heutzutage sieht man auf einigen Gräbern sogenannte QR-Codes. Wie weit ist die Digitalisierung schon in das Thema Bestattung vorgedrungen?

Elke Herrnberger: Diese QR-Codes sind vor allem auf Gräbern junger Verstorbener zu finden. Diese haben sich jedoch nicht so wirklich durchgesetzt. Viel häufiger sind digitale Trauerräume. In diesen können Angehörige Bilder hochladen, sich austauschen und – in manchen Fällen – auch digitale Kerzen anzünden. Im Zuge der Corona-Pandemie mussten viele Bestatter außerdem notgedrungen auf digitale Trauerfeiern zurückgreifen, weil die Anzahl der Trauernden bei der Beerdigung natürlich limitiert war. Ein weiterer großer Punkt ist der digitale Nachlass des Verstorbenen. Etwa Social Media-Kanäle oder kostenpflichtige Abonnements, die nach seinem Tod weiterlaufen. Hier müssen Hinterbliebene sich aktiv darum kümmern, diese Dienstleistungen zu beenden – was manchmal eingeklagt werden muss. Die Firma Columba hat sich auf derlei Fälle spezialisiert.

Redaktion: Welche Bestattungsformen sind denn derzeit am beliebtesten?

Elke Herrnberger: Aktuell entscheiden sich über 70 Prozent für eine Feuerbestattung und knapp 30 Prozent für eine Erdbestattung. Die Tendenz geht stark in Richtung Feuerbestattung. An einigen Orten, vor allem im innerstädtischen Bereich, liegt die Quote der Feuerbestattung schon bei rund 90 Prozent.

“Der Friedhof ist viel mehr als ein Ort für Bestattung und Trauer.”

Redaktion: Welche Konzepte machen einen modernen Friedhof aus?

Elke Herrnberger: Da gibt es ein ganz neues Beispiel: Die sogenannte “Trauerhaltestelle”. Das ist eine Konstruktion aus Mauern, nach oben hin geöffnet, in der die Hinterbliebenen sich mit bereit liegender Kreide die Trauer quasi von der Seele schreiben können. Und das konfessionsübergreifend. Sobald dann der Regen kommt, wäscht er das Geschriebene ab und verdeutlicht den Aspekt der Vergänglichkeit.

Außerdem ist der Friedhof heutzutage viel mehr als ein Ort für die Beerdigung und Trauer. Immer häufiger ist er ein Ort der Ruhe und der Entspannung, in dem man sich auch mal hinsetzen und ein Buch lesen kann. Das heißt aber nicht, dass er für Freizeitaktivitäten jeder Art offen ist: Man sollte zum Beispiel nicht dort joggen.

Das “Friedhofskompetenzzentrum” entwirft in diesem Zusammenhang gemeinsam mit den Kommunen auch neue Konzepte für den Friedhof der Zukunft.

Redaktion: Welche Rolle spielt Religion noch auf dem Friedhof? Auch im Licht der immer häufigeren Kirchenaustritte?

Elke Herrnberger: In vielen Städten gibt es kommunale und kirchliche Friedhöfe, da hat man dann die Wahl. Auf dem Land kann das schon schwieriger sein, aber es gibt die Möglichkeit, sich auch als Ausgetretener oder Nichtgetaufter auf einem kirchlichen Friedhof bestatten zu lassen. Eine wichtige Entwicklung ist aber, dass die Seelsorge immer mehr vom kirchlichen Vertreter auf Bestatterübergeht. Der moderne Bestatter ist quasi ein Eventmanager mit einem stetig wachsenden Aufgabenfeld. Sein Beruf ist menschennah und unglaublich abwechslungsreich.

Aufgabenfelder des Bestatters
Über den Bundesverband Deutscher Bestatter e.V.:

Der Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. repräsentiert und vertritt über seine Landesorgane die Belange von über 3.200 Bestattungsunternehmen (mit Filialen rund 4.600) in ganz Deutschland. Das entspricht rund 81% aller deutschen Bestatter. Als Dachverband steht der BDB für Qualität und gewährleistet diese durch diverse Zertifizierungen. Das Thema Aus- und Weiterbildung nimmt einen großen Stellenwert ein. Zur weiteren Professionalisierung wurde 2005 das Bundesausbildungszentrum im unterfränkischen Münnerstadt eröffnet. Als nicht minder wichtige Aufgabe zählt für den Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. der Erhalt und die Förderung der Bestattungskultur und des Berufsethos.

Weitere Informationen stellt er auf seinem Web-Portal www.bestatter.de zur Verfügung.

Titelbild und Beitragsbilder: © BDB | Bundesverband Deutscher Bestatter