Jürgen Stahl: „Der Sarg ist eine Investition in die Zukunft“

Juergen Stahl

Jürgen Stahl ist Geschäftsführer seines Familienbetriebs für Sargbau. Er fertigt Särge nicht nur an, sondern berät und beliefert auch Bestattungsunternehmen mit den neusten Trends. Ähnlich wie im Möbelhaus und doch ganz anders. Im Interview fragen wir nach, wie sein Job aussieht, woraus Kunden wählen können. Zudem erfahren wir, warum es sogar Spaß machen kann, sich frühzeitig mit dem eigenen Sarg auseinanderzusetzen.

Redaktion: Herr Stahl, wie sind Sie zu Ihrem Beruf des Sargbauers gekommen?

Jürgen Stahl: Ich komme aus einer „Holzfamilie“ und habe Holztechnik, nicht Sargbau, da es hierzu auch keine Ausbildung gibt, studiert. Mein Groß- und Urgroßvater hatten ein Sägewerk und haben Fässer hergestellt. Mein Vater war Zimmermann. Er war auch derjenige, der mit dem Sargbau begann. Ich hatte dort bereits meine ersten Ferienjobs. Da mit damals allerdings noch nicht klar war, ob ich in das Familienunternehmen einsteigen möchte, habe ich zunächst einen weitreichenderen Studiengang gewählt. Irgendwann habe ich es dann mit dem Familienbetrieb versucht und bin dabei geblieben.

Selbstverständlich waren auch die Bindung zu Region und Mitarbeitern, die mich teils schon von Kind auf kannten, ein Grund für die Entscheidung. Tatsächlich studiert nun auch mein Sohn Jakob Holztechnik. Hier muss ich allerdings ganz klar sagen: Völlig frei und ohne Zwang ins Familienunternehmen einzusteigen.

Redaktion: Wie sieht es mit Kremationen aus? Wird hierfür ein Sarg benötigt?

Jürgen Stahl: Tatsächlich wird auch für eine Kremation ein Sarg benötigt. Der Anteil der Feuerbestattung liegt in Deutschland bei etwa 65 bis 70 Prozent. Durch Corona steigt hier aktuell die Nachfrage. Das zieht auch einen Wandel der Bestattungsbranche nach sich. Das Abschiednehmen hat sich verlagert.

Unser Credo ist – unabhängig von der Art der Bestattung – einen gebührenden Abschied zu ermöglichen.

Mittlerweile findet bei Kremationen ein Abschied am Sarg eher im kleinen Kreis statt. Die größere Zeremonie dann am Friedhof mit der Urne. Dadurch hatte der Sarg vormals eine größere Bedeutung als heute. Ein Sarg bietet mehrerlei Funktionen: zunächst bietet er die Möglichkeit, pietätvoll Abschied zu nehmen. Zudem ist er ein Behältnis für einen sich verändernden Körper und Transportmittel in den Kremationsofen.

Mit dem Vollholzsarg haben wir zudem ein sehr ökologisches Produkt. Der Weg vom Stamm zu Sarg ist nicht weit. Unsere nachhaltige Forstwirtschaft macht den Vorgang CO2 neutral. Die Verbrennungstemperatur beträgt mindestens 650 Grad. Diese Energie wird benötigt, um den Körper, der zu 70 Prozent aus Wasser besteht, einzuäschern. Durch die Energie, die bei der Verbrennung des Holzsarges entsteht, werden weniger fossile Brennstoffe benötigt. Den Rahmen für den Sargbau hinsichtlich Kremationen regulieren in Deutschland strenge Richtlinien.

Redaktion: Sie haben Holz als Material angesprochen. Ist das die gängige Variante? Und wo liegen diese preislich?

Jürgen Stahl: Das gängigste Sargmaterial in Deutschland ist Kiefernholz. Mittlerweile gibt es hier auch eine Bandbreite an Auswahl wie Eiche, Linde, Lerche oder Pappel. Diese ist beispielsweise besonders leicht.

Geschmack und Vorlieben sind hier also kaum Grenzen gesetzt.

Andere Materialien wie beispielsweise Spanplatte oder Pappe finden Sie bei uns nicht. Das liegt auch an Auflagen zum Umweltschutz. Einen Preis zu nennen ist schwer, da diesen der Bestatter festlegt. Grob würde ich sagen, der Rahmen fängt bei 500 Euro an. Nach oben sind die grenzen je nach Wunsch offen. Beispielsweise haben wir schon einen Sarg mit vergoldeten Messingbeschlägen für ein paar Tausend Euro verkauft.

Redaktion: Investieren die Leute für einen Kremationssarg weniger Geld?

Jürgen Stahl: Ich sage immer: Ein Sarg ist eine Investition in die Zukunft. Denn: Viele emotionale Themen sind auch eine Gewissensfrage. Wenn Sie jemandem Ihre Wertschätzung ausdrücken oder eine Freude machen wollen, verschenken sie etwas Wertiges, wie beispielsweise ein Schmuckstück. Auch über den Sarg kann eine solche Wertschätzung ausgedrückt werden. Erst kürzlich hatten wir einen Sarg in kupferfarbenem Rot. Auch, wenn außer der Familie niemand mehr den Sarg gesehen hat, war die Farbe der Familie wichtig. Es war die Lieblingsfarbe des Verstorbenen. Diesen letzten Ausdruck der Wertschätzung werden Sie immer mit sich tragen. Gänge Praxis ist allerdings auch, für Kremationen einen einfacheren Sarg zu verwenden.

Redaktion: Haben Sie über die vergangenen Jahre Trends erkannt?

Jürgen Stahl: Generell unterscheiden wir drei Grundformen der Särge: die klassische Sargform auch als Hausdachform bezeichnet, bei der sich das Unterteil zum Boden hin verjüngt und der Sarg am Kopfteil breiter als am Fußteil ist. Die modernere Truhenform stammt aus Italien. Hier steht das Unterteil senkrecht, das Oberteil ist etwas flacher. Und die Körperform. Zudem gibt es noch Sonderformen wie den schlichten Papstsarg. Wo früher verstärkt Schnörkel und Verzierungen und dunkles Holz im Trend lagen, haben wir heute schlichtere Särge mit Sprüchen oder Symbolen und hellere Farbtöne.

Inzwischen sind Särge allerdings allgemein individueller geworden. Cremona beispielsweise bedruckt Särge. Auf Kundenwunsch haben wir hier ein Bild von dem Kunden auf seinem Motorrad auf den Sarg gedruckt. Der Sarg sah phänomenal aus! Die Vorstellung, wie die Freunde hier einmal an dem vom Kunden selbst gestalteten Sarg Abschied nehmen, ist ergreifend.

Redaktion: Wie läuft das Beratungsgespräch von Ihrer Seite ab?

Jürgen Stahl: Der Bestatter berät die Angehörigen, wir wiederum den Bestatter, unseren Kunden. Dank unseres Lagers können wir auch kurzfristig reagieren: Der Kunde ruft theoretisch morgens an und hat am Tag darauf den Sarg. Aus logistischer Sicht ist das aber glücklicherweise nicht die Regel. Bestattungen erfolgen in der Regel innerhalb einer Woche. Bis dahin muss der Sarg ausgesucht sein. Die Auswahl erfolgt in der Regel aus einer vorrätigen Vorauswahl, zu dem unsere Mitarbeiter die Bestattungsunternehmen beraten. Beispielsweise zu Trends oder aktuellen Modellen. Individuelle Gestaltungen, wie beispielsweise der komplett bedruckte Sarg des Motorradfahrers – der noch lebt – nehmen durchaus mehr Zeit in Anspruch und sollten daher frühzeitig geplant werden.

Redaktion: Was sind die Standardmaße eines Sarges?

Jürgen Stahl: Die deutschen Standardmaße eines Sarges sind zwei Meter Länge und sechzig bis siebzig Zentimeter in der Breite. Die Höhe beträgt ebenfalls etwa sechzig Zentimeter. Nun gibt es natürlich breiter und größer gebaute Menschen. Sondergrößen sind hier in der Länge beispielsweise 2,10 Meter oder 80 Zentimeter in der Breite. Sollte das nicht ausreichen, muss eben ein entsprechendes Modell gebaut werden. Übergrößen machen allerdings nur etwa zwei Prozent unserer Anfragen aus. Wir merken allerdings, dass die Nachfrage in diesem Bereich etwas zunimmt. Möglicherweise wird dadurch in der Zukunft das Standardmaß der Nachfrage angepasst.

Redaktion: Darf ich mir meinen eigenen Sarg bauen? Beispielsweise als großer Schneewittchen-Fan.

Jürgen Stahl: Prinzipiell gibt es keine Vorgaben, dies nicht zu tun. Hier sind allerdings die gängigen Richtlinien zu beachten. Ein gläserner Schneewittchen-Sarg würde diesen widersprechen. Er ließe sich nämlich nicht verbrennen und vergeht auch nicht in der Erde. Die eingesetzten Produkte dürfen die Umwelt laut Vorgabe nur möglichst gering belasten. dies gilt zwischenzeitlich nicht nur für Särge etc. sondern auch für die meisten Urnen. Für die Feuerbestattung den Vorschriften für die Kremation entsprechen.

Redaktion: Wie viele Särge fertigen Sie jährlich an?

Jürgen Stahl: Im Jahr fertigen wir ungefähr 20.000 Särge und gehören damit zu den größeren Unternehmen der Branche. In den letzten Jahren haben wir unsere Produktpalette stetig erweitert und beliefern Bestatter heute mit einer Vielzahl von Produkten bis hin zur Dekoration. Außerdem betrieben wir einen großen Online-Shop für Urnen.

Das ist bei rund 950.000 Sterbefällen in Deutschland allerdings ein recht verteilter Markt. Allgemein sind die Zulieferbetriebe für Bestatter mittelständische inhabergeführte Unternehmen. Wie auch bei uns garantiert das sehr viel Engagement und Initiative.

Redaktion: Inwieweit haben Sie sich Gedanken zu Ihrem eigenen Sarg gemacht?

Jürgen Stahl: Särge sind für uns Produkte. Ähnlich wie ein Möbelstück. Wir sehen darin keinen speziellen Trauerfall. Ich persönlich habe den Hang zum Zweitsarg. Ein Sarg alleine wäre mir bei der gebotenen Vielfalt vermutlich zu wenig. Konkret festgelegt habe ich mich aber auf noch kein Modell. Es gibt allerdings immer wieder Modelle bei denen ich mir denke: den will ich haben! Die Auswahl ist eng verknüpft mit der Vorstellung meines Abschieds. Die Freunde, die noch da sind, sollen mich begleiten und während der Trauerfeier einen Bierkrug auf mich heben können, der außen am Sarg befestigt ist. Das ist zumindest im Vorfeld eine schöne Vorstellung für mich.

Natürlich hat meine Familie dabei auch ein Wörtchen mitzureden. Das Technische dahinter male ich mir in Gedanken allerdings schon aus. Es wird also auf jeden Fall etwas Modernes sein. Vielleicht sogar bedruckt. Individualität ist mir nicht nur für meine Kunden wichtig. Sie sehen: Man kann durchaus auch beim Thema Sarg ins Schwärmen kommen.

Titelbild: © Jürgen Stahl

Über unseren Experten

Jürgen Stahl 

Jürgen Stahl, Jahrgang 1965, ist Diplom-Ingenieur der Holztechnik und lebt heute mit seiner Familie in Kleinheubach. Dort leitet er das Familienunternehmen Stahl Holzbearbeitung GmbH in vierter Generation. Stahl ist zudem seit einigen Jahren Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Bestatterbedarf e.V., dem einzigen Branchenverband in Deutschland für die Zulieferer der Bestattungsunternehmen. Sein Lebensmittelpunkt sind seine Frau und seine vier Kinder.

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